Für den groovigen Flow sorgt an der Hörbar heute ein ausgewiesener Experte: der Offenburger Jazzkontrabassist und Komponist Dieter Ilg. Sein Konterfei auf dem neuen Album ziert ein Schwarzwälder Bollenhut – schließlich geht’s um die Frage, wo man zuhause ist.
Amamere ist ein aufregendes Musikprojekt aus Cape Coast, Ghana, das frischen Wind in die westafrikanische Highlife-Tradition bringt. Dabei ist die Kombo noch ziemlich jung: Schlagzeuger und Komponist Rim Akandoh junior hat Amamere im Jahr 2022 gegründet. Allerdings fällt bei Rim Akandoh der Äpfel nicht weit vom Stamm; schon sein Vater Rim Akandoh senior war eine Größe in der Musik Ghanas, als Gründer der "Prince Sparrows Band". Stücke vom Papa sind auch auf dem Debütalbum des Juniors zu hören, "Man Shall Be Free" ist dessen Titel. In den Stücken von Amamere geht‘s um Alltagserfahrungen, um Liebe – aber auch um Soziales und Politisches. Stillhalten ist bei diesem Sound absolut unmöglich!
Delphines neues Album ist unter dem Eindruck des russischen Einfalls in die Ukraine entstanden – daher auch der Titel, "Wenn Bomben Träume zerstören“. Am Klavier auf der Platte hört man auch den ukrainischen Pianisten Yuriy Seredin, ihren Wunschmusiker für diese Platte. Mit ihrem neuen Album konnte die in Paris geborene Bassgitarristin und Sängern Maillard sich einen Traum erfüllen – nämlich mit ihren liebsten Kolleg*innen in Berlin unter Live-Bedingungen aufzunehmen. Ohne Tricks und technische Mätzchen. Das kann auch schon mal ein bisschen unperfekt klingen – wirkt dafür aber umso lebendiger.
So langsam lockt der Frühling viele von uns wieder nach draußen – aber muss man deswegen unbedingt gleich mitmachen? Die hr2-Hörbar schenkt heute den Ruhelosen und den Stubenhockern ein Ohr. Joy Denalane fragt, was das eigentlich ist, ein "Zuhause". Der palästinensische Oudspieler Adel Salameh ist unterwegs "Sur la Route d’Algérie". Svjata Vatra, das ukrainisch-estnische Ensemble, besingt "Oj u poli dva dubky", zwei Eichen auf einem Feld, während die irische Folksängerin Cara Dillon sich auf dem windigen "Hill of Thieves" niederlässt. Die Melancholiker von Dreiviertelblut sitzen derweil am Bach und schauen in "Auf und davo" dem Wasser nach. Eine Hörbar zwischen Loslaufen und Hockenbleiben.
"Wohin sollen die Vögel fliegen nach dem letzten Himmel?" fragt der palästinensische Poet Mahmoud Darwish einmal in einem seiner Gedichte. Der tunesische Oud-Virtuose Anouar Brahem hat diese durchaus berechtigte Frage in einer Zeit voller apokalyptischer Szenarien aufgegriffen mit seinem neuen Album "After the Last Sky". In elf tiefgründigen Kompositionen für Oud, Klavier, Bass und erstmals auch Cello beschäftigt er sich gemeinsam mit Django Bates, Dave Holland und Anja Lechner auf subtile Weise mit dieser metaphysischen und doch auch sehr konkreten Frage. Fester Anker von Brahems Musik sind die traditionellen Formen der arabischen Musik. Aber der Tunesier setzt sich immer auch mit Einflüssen aus aller Welt auseinander und lässt sich von unterschiedlichen Kulturen inspirieren.
Als Kind hat er vor allem das Schlagzeug geliebt und rhythmische Grooves in den ungewöhnlichsten Taktformen. Später kam dann sein heutiges Hauptinstrument dazu: das Saxofon. Marius Neset gilt als eine DER Entdeckungen der Europäischen Jazzszene in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten. Der Norweger besticht nicht nur durch sein perkussives Spiel auf dem Saxofon, sondern auch durch seine genreübergreifenden musikalischen Erkundungen. Von Solo bis Orchester hat er als Auftragskomponist so gut wie alle Ensemblegrößen im Blick. Mit der hr-Bigband verbindet ihn seit dem Deutschen Jazzfestival 2022 eine ganz besondere Freundschaft. Die wird nun aufgefrischt mit zwei gemeinsamen Auftritten und einem Werk, das Marius Neset der hr-Bigband auf den Leib geschneidert hat.
Manche nennen ihn "den belgischen Jeff Buckley". Vielleicht wegen seines Aussehens, vielleicht auch wegen der beinahe mystischen Aura, die ihn und sein Werk umgibt. Den Stoff dazu liefert nicht zuletzt auch der Familienstammbaum: sein Großvater väterlicherseits war der berühmte ägyptische Sänger und Filmschauspieler Muharram Fouad. Tamino-Amir Moharam Fouad, wie sein Enkel mit vollem Namen heißt, ist in Belgien geboren und aufgewachsen, hat u.a. schon an der Seite von Gisele Bündchen gemodelt, vor allem aber inzwischen drei Alben unter eigenem Namen veröffentlicht, die auch international für Aufhorchen sorgen. Am besten bringen es vielleicht die Kollegen vom US-Radiosender NPR auf den Punkt, wenn sie dem gerade mal 28-Jährigen bescheinigen: "Taminos Stimme hat die hypnotische, unmittelbare Kraft von etwas viel Älterem“! Nachzuhören auf dem neuen Tamino-Album "Every Dawn's a Mountain"
Wie es sich anfühlt, dieses "Halb-Halb Sein", das kann wahrscheinlich nur empfinden, wer selbst in so einer Situation ist. Simin Tander, Tochter eines Afghanen und einer Deutschen, geboren und aufgewachsen in Köln, als Sängerin in der ganzen Welt unterwegs, sie kennt dieses Gefühl, überall so halb dazuzugehören. Und münzt es um in künstlerische Freiheit. "The Wind" heißt ihr jüngsten Soloalbum, in Deutschland aufgenommen, in New York abgemischt und auf einem norwegischen Label veröffentlicht, mit Musikern aus Schweden, der Schweiz und Indien. Simin Tanders Lieder greifen in mehreren Sprachen Einflüsse aus Folklore und Lyrik Afghanistans, Spaniens, Italiens, Englands und Norwegens auf – wohin der Wind einen eben trägt.
Man nehme: ein Gedicht von Allen Ginsberg, eine Klaviermelodie von Chopin, Schumann, Grieg & Co. und setze das Ganze zusammen im Stil eines Singer/Songwriters. So geht das Rezept für "Songs With Words" – das neue Album von Malakoff Kowalski. Der in Berlin lebende deutsch-amerikanisch-persische Musiker und Komponist hat in jahrelanger Beschäftigung mit der Beat-Lyrik Ginsbergs viele introspektive Passagen entdeckt, die sich fast unverändert Zeile für Zeile in Songtexte umdeuten lassen. Auch die Klavierminiaturen der romantischen Meister belässt Kowalski beinahe eins zu eins im Original und folgt mit seinem Gesang deren Themen und Motiven. Am Klavier sitzen gute Freunde: Igor Levit, Chilly Gonzales, Johanna Summer, große Namen allesamt. Und tatsächlich: Die leise, sensible Montage aus Beat-Lyrik und Klavierlied weiß auf besondere Art zu berühren.
Angelo Branduardi bringt den irischen Dichter William Butler Yeats zum Tanzen, Souad Massi berichtet vom traurigen Zustand des Guten, Raúl Paz erklärt uns, warum er immer Kubaner bleiben wird... und Passenger hat sich in eine Geisterstadt verirrt.
Beim Maliki World Orchestra kommt wirklich einiges zusammen und das achtköpfige Ensemble aus Hannover um die italienische Frontfrau und Sängerin Chiara Raimondi macht seinem Namen alle Ehre. Gesungen wird auf Englisch, Spanisch, Griechisch und Italienisch und musikalisch lässt die international besetzte Truppe (fast) nichts aus. Das ist Fusion at it‘s best. Ein gelungenes Debüt! Außerdem lernen wir bretonisch mit Alan Stivell, machen einen Abstecher in die Karibik mit den Streichern von Triology, erklären eigentümliche Namen wie "Los 50 de Joselito" und lauschen indigenen australischen Klängen mit Yunupingu.
Seit gut 10 Jahren ist Derya Yıldırım mit ihrer Band, der "Grup Şimşek", unterwegs, und gemeinsam kreieren sie einen fest in der anatolischen Tradition verwurzelten Crossover-Pop. Geboren wurde Derya Yıldırım 1994 in Hamburg, sie wuchs auf mit anatolischer Volksmusik, lernte die türkische Laute Bağlama, dann Gitarre, Klavier und Saxophon. Sie singt auch durchweg auf Türkisch, die Band aber spielt in ganz klassischer Popmusik-Besetzung mit Gitarre, Bass, Keyboards und Schlagzeug und steuert den stark psychedelisch angehauchten Vintage-Sound bei. Außerdem lauschen wir mit Georges Moustaki den Erzählungen eines Spaziergängers, fragen uns mit Melody Gardot, was die Liebe ist, und Javier Ruibal nimmt uns mit zu den Meeren der Wellenreiter.
Der 1987 im kalifornischen Woodland geborene Will Stratton legt mit "Points of Origin" bereits sein achtes Album vor. Und wer Nike Drake oder Sufjan Stevens mag, wird auch hier glücklich werden. Schlichte, aber nie langweilige Songs mit Gitarre, Klavier und gelegentlich ein paar Streichern und Bläsern mit fein ausgedachten Texten, die Geschichten erzählen vor allem aus der kalifornischen Heimat, auch wenn der Mann schon lange an der Ostküste lebt.
Die drei Herren aus Graz an Klarinette, Gitarre und Kontrabass präsentieren auch auf ihrem dritten Album "Wind" feinste Klezmer-Instrumentals, diesmal unterstützt vom Gitarristen Simon Reithofer. Das meiste selbst komponiert, aber ein paar traditionelle jiddische Nummern sind auch mit dabei, gelegentlich gibt’s auch mal einen orientalischen Einschlag oder ein wenig Tango.
Auf seinem zehnten Album "Foxes in the snow" ist Jason Isbell erstmals seit knapp 20 Jahren wieder solo unterwegs, ohne seine Begleitband "The 400 Unit". Und er zeigt ein weiteres Mal, dass er definitiv in die erste Liga der Singer/Songwriter gehört.
Songs für den Tag im Ohrensessel oder was Flottes beim Joggen im Park – die Hörbar versorgt Sie mit liebevoll ausgesuchter Musik für den Blick auf die Welt. Ob Jazz, Global Sound, Chanson oder uriger finnischer Humpa-Swing, lassen Sie sich überraschen.
Alle älteren Folgen der hr2-Hörbar finden Sie hier in der Audiothek.
hr | 2022 | Podcast wochentäglich
Eine Produktion von hr2 Kultur für den Hessischer Rundfunk